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25.08.2010

Offener Brief an alle K 21 Befürworter

Jedes große Infrastrukturprojekt birgt Chancen und Risiken. Beides muss sorgfältig abgewogen werden und das ist zugegebenermaßen nicht immer leicht. Deshalb nicht leicht, weil die Kontrahenten aufhören zuzuhören. Für mich überwiegen die Vorteile von S 21. Unser Land, unsere Region und Stuttgart werden an das Hochgeschwindigkeitsschienennetz der Zukunft, umweltgünstig und wirtschaftlich leistungsfähig angeschlossen. Der private Autoverkehr wird unrentabel. Der Bahnhof wird mit dem Flughafen verbunden und neuer Raum für die Stadtentwicklung entsteht.

Die Grünen fordern einen Bürgerentscheid, mit der Begründung, dass das Projekt damit verhindert werden kann. Der Zeitpunkt für einen Bürgerentscheid wurde aber verpasst. Er hätte vor den parlamentarischen Beschlüssen zustande kommen müssen. Das wissen auch die Grünen, dennoch wiegeln sie die Leute auf, indem sie ihnen weismachen, mit einem Bürgerentscheid könnte das Projekt noch gestoppt werden. Außerdem ist Stuttgart 21 ein Projekt, das dem ganzen Land zugute kommt und über das deshalb ohnehin nicht nur die Stuttgarter allein entscheiden könnten.

Bisher haben Befragungen gezeigt, dass sich Befürworter und Gegner etwa die Waage gehalten haben. Mit einer Kampagne wird nun versucht, die Gewichte zu verschieben. Es ist ein altes Rezept der Linken mit der Forderung nach Volksentscheiden die parlamentarische Demokratie auszuhebeln. Da wird hysterische Stimmungsmache betrieben, der dann leider auch viele Leute folgen, die sonst ganz vernünftig sind (vor hundert Jahren hat das bereits Le Bon in seiner „Psychologie der Massen“ beschrieben), und wenn dann in einer solchen hysterischen Atmosphäre abgestimmt wird, fällt das Ergebnis entsprechend aus. Die Linken sehen darin die Möglichkeit, dass Minderheiten die Mehrheit beherrschen können. Die verstorbene Meinungsforscherin Noelle Neumann hat diesen Prozess in ihrer „Schweigespirale“ beschrieben. Minderheiten setzen sich mit Hilfe der veröffentlichten Meinung gegen die „schweigende Mehrheit“ durch.

Wir sind eingebunden in die Kontinuität der Generationenfolge. Jede Generation steht auf den Schultern der vorhergehenden und schafft die Bedingungen für die folgende Generation. Die früheren Generationen haben viel hinterlassen, auf dem die gegenwärtigen aufbauen können. Darunter waren viele große Objekte, die weit über die Generation hinausreichten, die sie angefangen und geschaffen haben. Das beginnt mit der Infrastruktur, dem Straßen- und dem Schienennetz, setzt sich fort mit der Industriestruktur und technischen Innovationen. Selbst die Prunkbauten früherer Zeiten bringen dem Tourismusgewerbe heute noch großen Gewinn.

Auch in der Region Stuttgart ist die lebende Generation Nutznießer dessen, was die vorhergehenden Generationen geschaffen haben. Mit der Entwicklung des Autos und dem Maschinenbau stand sie an der Spitze des technischen Fortschritts. Soll sie nun zurückfallen?

Ans Schienennetz haben sich die Stuttgarter angepasst. Ihren Bahnhof haben sie drei Mal verlegt, das letzte Mal vor rund hundert Jahren. Das war für die damalige Zeit auch ein gewaltiges Projekt. Ist die heutige Generation zu einer entsprechenden Anpassung nicht mehr in der Lage?

Jede Generation hat ihre Eigenheiten. Ich gehöre nicht der Generation an, die aus dem Krieg heimgekehrt ist und die zerstörten Städte wieder aufgebaut und das Gemeinwesen demokratisch gefestigt hat. Ich habe Hochachtung vor ihrer Leistung. Heute ist die Generation der „Achtundsechzigern“ in allen gesellschaftlichen Gruppierungen „angekommen“. Die 68er sind im Wohlstand aufgewachsen und verfolgte neue Ziele. Sie wollte die vorhandene Ordnung grundlegend verändern, ohne eine klare Vorstellung davon zu haben, wie eine neue bessere aussehen sollte. Diese Zerstörung ist den 68ern nicht gelungen, aber eine weitgehende Veränderung, nicht immer zum Guten, haben sie bewirkt. Die Wortführer der 68er waren die Grünen und sie sind es heute noch.

Sie vertreten den Teil der aktiven Generation, der auf Egoismus eingeschworen ist. Viele aus der gegenwärtigen Generation wollen keine Anstrengungen auf sich nehmen, besonders nicht solche, die vor allem kommenden Generationen zugute kommen. Viele von ihnen waren und sind nicht bereit, selbst eigene Kinder zu erziehen.

Eine Generation, die nur noch egoistisch auf den eigenen Nutzen bedacht ist, wird jedoch den moralischen Wertmaßstäben nicht mehr gerecht. Das zeigt sich leider auch an anderen Beispielen, besonders evident in der Sozialpolitik.

Seit Ende der 60er Jahre hat die lebende Generation damit begonnen, die Enkel auszubeuten. Sie ist nicht mehr bereit, sich auf das zu beschränken, was sie selbst erarbeitet hat. Sie hat die Staatsverschuldung in die Höhe getrieben und lebt damit auf Kosten kommender Generationen.

Die jetzige Rentner-Generation, lebt in einem Wohlstand, wie nie eine Generation vor ihr. Sie hat das auch verdient und hart erarbeitet. Aber selbst die geringe Anpassung an die demo-graphische Situation, die jetzt mit der Rente 67 erreicht werden soll, wollen große Teile verweigern, angeführt von der SPD, den Gewerkschaften und den Linken.

Da passt auch der Protest gegen Stuttgart 21 ins Bild. Die egoistische Generation will offenbar keine Anstrengung auf sich nehmen, die auch künftigen Generationen zugute kommen könnte.

Den Achtundsechzigern und den Grünen hat das Verhindern schon immer großes Vergnügen bereitet. Ein Projekt zu verhindern bedeutet Macht ausüben, ohne die Mühe etwas Positives schaffen zu müssen. Außerdem gibt es einem das Gefühl, dass man besser ist als andere, ein richtiger Gutmensch. Verhindern ist in Deutschland beliebt geworden. Es gibt kaum ein Projekt, gegen das nicht sofort Protest erhoben wird, meist aus offensichtlich egoistischen Motiven. In unserer Gesellschaft ist es wichtig, Verantwortung zu übernehmen. Die Bereitschaft dazu ist leider rar geworden.

Es gibt viele Beispiele, die zeigen, dass die Verhinderer Unrecht hatten: Das augenfälligste in Stuttgart ist der Erfolg der neuen Messe aber auch der Fernsehturm oder die Liederhalle sind solche Beispiele.

Am verständlichsten sind noch die Bedenken, wegen der riesigen Kosten und der ungewohnten Dimension. Aber Großprojekte werden heute überall auf der Welt in Angriff genommen und erfolgreich bewältigt. Der Berliner Bahnhof hat auch 10 Milliarden gekostet, ohne dass die Grünen deshalb auf die Barrikaden gegangen wären.

Die Grünen schüren den Protest, und verhalten sich undemokratisch, indem sie demokratisch gefasste Beschlüsse nicht akzeptieren. Mandatsträger beteiligen sich an Sitzblockaden und lassen sich wegtragen. Sie fordern einen Bürgerentscheid, obwohl sie wissen, dass das Projekt damit nicht gestoppt werden kann.

Sie entfachen selbst einen Meinungskrieg und spielen sich dann als Friedensstifter auf, indem sie einen „Friedensgipfel“ fordern. Sie protestieren gegen das Projekt, obwohl es gerade in ökologischer Hinsicht eindeutige Fortschritte bringt. Es geht ihnen schon lange nicht mehr um Sachargumente. Sie wollen auf diese Weise ihren Erfolg bei der Stuttgarter Kommunalwahl auf Landesebene wiederholen.

Die Grünen schüren eine Negativkampagne, die zu üblen Auswüchsen führt. Beschimpfungen und Farbbeutel statt Argumenten beherrschen die öffentliche Protestszene. Wenn auf diese Weise die Stimmung weiter eskaliert und schließlich womöglich zu gewalttätigen Exzessen führen sollte, tragen die Grünen daran Mitverantwortung.

In der Situation, dass sich CDU, FDP und SPD als Befürworter einig sind, setzen die Grünen auf das alte 68er Konzept der APO („außerparlamentarische Opposition“). Die Demonstrationen, die sie schüren, haben längst das Stadium der Verhältnismäßigkeit überschritten, drohen weiter zu eskalieren und in Gewalt auszuarten. Der Bauzaun wurde schon eingerissen. Sicher finden sich wieder Stuttgarter Intellektuelle, die sich „klammheimlicher Freude“ nicht enthalten können.

Für einen großen Teil der Initiatoren geht es längst nicht mehr um Stuttgart 21, sondern um die Macht der Straße, die es „denen da oben“ zeigen soll. Ein Teil der Demonstranten fühlt sich als „Widerstandskämpfer“ und man hat bewusst die Bezeichnung „Montagsdemonstrationen“ gewählt, um zu suggerieren, dass es sich um eine „friedliche Revolution“ handelt, wie damals in der DDR.

Es gibt da nur einen kleinen Unterschied. Die Montagsdemonstrationen in Leipzig richteten sich gegen einen Unrechtsstaat, der seine Bürger einsperrte und knebelte. Die Stuttgart 21 – Demonstrationen richten sich gegen den freiheitlichsten Staat, den es je auf deutschem Boden gegeben hat. Sie zielen darauf ab, die parlamentarische Demokratie auszuhebeln.

Es gibt auch seriöse Bürger, die aus sachlicher Überzeugung sich gegen Stuttgart 21 wenden. Denen gilt mein Respekt. Wenn die aber bei diesen „Montagsdemonstrationen“ mitmachen, lassen sie sich von der falschen Seite missbrauchen. Aber das traut sich natürlich wieder niemand auszusprechen. Besonders zu verurteilen ist es, wenn Politiker in verantwortungsvollen Positionen, diese Demonstrationen bewusst schüren. Aber es braucht Mut, gegen diese Art des Protestes öffentlich Stellung zu nehmen.

Die Botschaft der Grünen und der Demonstranten lautet: Wenn man nur laut genug schreit und genug Leute auf die Straße bringt, kann man jeden parlamentarischen Beschluss kippen. Das ist im Grunde eine Kampfansage an unsere parlamentarische Demokratie, wie sie in unserer Verfassung verankert ist. Das dürfen wir nicht dulden.

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