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Die Wilhelminische Vision

Jedes große Infrastrukturprojekt birgt Chancen und Risiken. Beides muss sorgfältig abgewogen werden und das ist zugegebenermaßen nicht immer leicht und war es zu keiner Zeit. Am 19.02.1907, mitten in der Wilhelminischen Ära, lag der 2. Kammer des Württembergischen Parlaments eine Gesetzesvorlage zum Umbau des Hauptbahnhofs Stuttgart und weiteren Eisenbahnneu- und Erweiterungsbauten zwischen Ludwigsburg und Plochingen vor. (Württembergische Zweite Kammer, 37. Landtag, 19.02.1907, Beilage 29, Seite 23). Die Vision, eine große politische Einheit braucht eine starke Wirtschaft und Garant dafür ist die Verkehrsinfrastruktur Schiene, keimte auf. Das Ende des 19. Jahrhunderts war geprägt von großen politischen und sozialen Umwälzungen. Mit Blut und Eisen schuf Preußen die deutsche Einigung. Der Gründerboom, der nach dem deutsch-französischen Krieg und der Reichsgründung einsetzte, war getragen von der wachsenden Industrialisierung und der von Frankreich zu leistenden Kriegsentschädigung. Börsenmanipulationen, fragwürdige Finanzierungsmethoden, Fehlinvestitionen und übereilte Firmengründungen ließen das Wirtschaftswunder wie ein Kartenhaus zusammenfallen und führten zur „Großen Depression“, die bis in die 90er Jahre des 19. Jahrhunderts dauern sollte.

Lohnsenkung und Massenentlassung, Kaufkraftschwund und Preisverfall waren die Folge. Die soziale Frage beschäftigte Politik und Gesellschaft aber auch der Zwang, sich dem gnadenlosen Existenzkampf um in- und ausländische Märkte zu stellen, und mit veränderten Produktionsverfahren und Unternehmenszusammenschlüssen den Kurs neu auszurichten. Das Deutsche Reich hatte Glück und konnte die Krise überwinden. Mit einem einheitlichen Handelsgesetzbuch, einer Zentralnotenbank und mit der gemeinsamen Währung „Deutsche Mark“ aber auch mit einer staatlichen Sozialpolitik war die politische Infrastruktur geschaffen, die Industrienation weiter voranzubringen. Die Roheisenproduktion stieg schneller als die in England. Ende des 19. Jahrhunderts trieben Elektrotechnik, Motorenbau und Großchemie als neue Leitsektoren die wirtschaftliche Entwicklung weiter voran. Deutschland stieg zur stärksten europäischen Industrienation auf und überwandt Massenarbeitslosigkeit und Armut.

Die Industrie braucht Verkehrswege. Nur wo diese geschaffen werden, wächst auch die Wirtschaft. Diese volkswirtschaftliche Binsenweisheit lag für die Abgeordneten des Württembergischen Landtags auf der Hand. Aber auch die Sorge, dass das Land von der wirtschaftlichen Entwicklung wegen schlechter Verkehrswege vom Rest des Reiches abgekoppelt werden könnte, beschäftigte das Parlament.

Die Bevölkerung Stuttgarts wuchs von 40.000 Einwohnern im Jahr 1840 auf 200.000 Einwohner im Jahr 1907. Der alte Hauptbahnhof in der Schloßstrasse, der von 1863 bis 1868 erweitert wurde, konnte den wachsenden Bahnverkehr nicht bewältigen. Es war klar, dass die Dynamik der Verkehrsentwicklung stagnieren würde. Eine Situation, vor der wir, wenn auch aus anderen Gründen, heute wieder stehen. In einem Bericht der Generaldirektion an das zuständige Ministerium aus dem Jahr 1890 heißt es: „Da auch die in der Nähe gelegenen Stationen, wie Plochingen, Esslingen, Cannstatt, Waiblingen, Ludwigsburg mit Gleisen nicht gerade reichlich ausgestattet sind, so wirkt die Notwendigkeit, die Hauptgleise auf diesen Stationen stundenlang für die Personenzüge freihalten zu müssen, auf die Güterzüge der Hauptbahn, wie der oberen Neckar, Rems- und Murrbahn vorzuschreibenden Kurse in vielen Fällen sehr ungünstig ein.“ Im Herbstverkehr wurden Züge der Süd-Nord-Verkehrsrichtung zum Teil über die Strecke Horb-Calw-Zuffenhausen geleitet, um den Knoten Stuttgart zu umgehen. Der Bericht der Finanzkommission Anfang 1907 sah die von der Regierung vorgeschlagenen Maßnahmen als dringlich und notwendig an und verneinte die Frage, ob es auf anderem Wege möglich sei, für bessere Verkehrsverhältnisse im Raum Stuttgart zu sorgen. Die Abgeordnetenkammer analysierte die Situation nüchtern und bestätigte, es bestehe eine „Notwendigkeit und Dringlichkeit“, die Verhältnisse des Stuttgarter Hauptbahnhofs zu ändern, die „bestehenden Anlagen sind für den Personen und Güterverkehr absolut unzureichend“ (Württembergische Zweite Kammer, 38. Sitzung, 12.06.1907, Seite 920).

Eine Verlegung des Hauptbahnhofs Stuttgart nach Cannstatt wurde zwar lebhaft diskutiert aber abgelehnt, weil zwischen Stuttgart und dem Land „eine „Menge enger wirtschaftlicher, finanzieller, kultureller und behördlichen Beziehungen bestehen, die zu einer unzweckmäßigen Gestaltung des Verkehrs und zu einer Benachteiligung des Landes führen, wenn Stuttgart vom Verkehr abgelenkt und die Residenzstadt mit einem Vorortzug bedient würde“.

Die Standortentscheidung für den jetzigen Hauptbahnhof entschied eine statistische Feststellung, nach welcher 95 % der Reisenden den Stuttgarter Bahnhof als Anfangs- oder Endstation benutzten und nur 5% Durchreisende waren. Der Plan von Albert Sprickerhof für einen Durchgangsbahnhof mit Tunnelbauwerken im Kriegsberg scheiterte zuvor schon an dem Platzmangel für den Güterverkehr und den negativen Folgen für den Rangierbetrieb. Es blieben zwei Entwürfe: das Schloßstraßenprojekt und das Schillerstraßenprojekt. Aus Platz- und Kostengründen wurde letzterem den Vorzug gegeben. 94.500.000,- Mark ergab die summarische Berechnung der Kosten für das Schienenprojekt und den Bahnhof (Württembergische Zweite Kammer, Beilage 29 vom 21.02.1907, Ziff. E Seite 43). Ein Betrag, vergleicht man die Jahreseinkommen von heute und damals, würde heute 2,6 Mrd. Euro ausmachen (Quelle Deutsche Bank). Wenn wir heute 4,1 Mrd. Euro für Stuttgart (einschließlich der Strecke Wendlingen/Ulm) veranschlagen, ein vergleichbarer Wert. Und auch damals forderte der Landtag, dass sich Stuttgart an den Kosten des Projekts beteiligt. Der Berichterstatter v. Kiene führte aus: „Man würde es im Lande nicht verstehen, wenn bei der Modernisierung der Verkehrsverhältnisse....Stuttgart nicht mit einem erheblichen Kostenbeitrag sich beteiligen sollte...“ (Württembergische Zweite Kammer, 38. Sitzung, 12.06.1907, Seite 932).

Im Jahr 1911 wurde für den Bahnhofsneubau ein allgemeiner Wettbewerb ausgeschrieben. Der Entwurf von Paul Bonatz und Friedrich Eugen Scholer konnte sich durchsetzen. Bonatz lehnte Art Nouveau und den Jugendstil ab. Entgegen dem Wilhelminischen Prunk bevorzugten sie schmucklose Würfelformen. Avantgardistisch war Stuttgart schon immer. Das gilt auch für den Entwurf des Tiefbahnhofs des Düsseldorfer Architekten Ingenhoven, Overdiek und Frei Paul Otto. Damals wie heute erntete der Entwurf nicht nur Zustimmung.

Erst im Jahr 1914 wurde mit dem Bau des Empfangsgebäudes begonnen. Im Jahr 1917 wurden alle Arbeiten, die nicht für die Führung des Krieges notwendig waren, eingestellt. Die Arbeiten an den Gleisanlagen gingen mit dem Einsatz von Kriegsgefangenen weiter. In der Nacht vom 22. zum 23. Oktober 1922 fuhren die letzten Züge aus dem alten Bahnhof aus und die ersten in den neuen Bahnhof ein. Organisatorisch eine bemerkenswerte Leistung.

Die Vision des Württembergischen Landtags erfüllte sich. Der Binnenmarkt des Deutschen Reiches belebt durch Schaffung einer Verkehrsinfrastruktur, stärkte die Achse Leipzig, Dresden, Berlin, Hamburg, Frankfurt, Stuttgart, München. Allen Widrigkeiten hat diese Vision getrotzt: der Inflation und dem Krieg, dem Niedergang der Monarchie und den Wirren der Weimarer Zeit. Es hat lange gedauert, bis sich die Vision des Württembergischen Landtags realisierte und vielleicht – wäre das Ziel früher erreicht worden - hätte sie eine immunisierende Wirkung auf die Wirtschaftskrise und den aufkommenden Nationalsozialismus entfalten können. Es ist heute unsere Aufgabe, diese Vision fortzuführen. Der Binnenmarkt erstreckt sich vom Atlantik bis zum Bosporus. Die große Magistrale ist die Lebensader wirtschaftlichen Wachstums. Damals wie heute die gleiche Forderung: Stuttgart muss Herz und Motor dieser Lebensader sein und nicht ihr Wurmfortsatz. Städtebaulich und wirtschaftlich erwarten uns neue ungeahnte Impulse. Auch 1907 hätten sich die Abgeordneten nicht vorstellen können, welche Dynamik der Bahnhof bringen wird. Beinahe 100 Jahre lang konnte er die Bedürfnisse einer wachsenden Industriegesellschaft bedienen. Der Binnenmarkt wächst mit der europäischen Union. Wir müssen mit ihm wachsen und seine Herausforderungen annehmen.

Wir sind eingebunden in die Kontinuität der Generationenfolge. Jede Generation steht auf den Schultern der vorhergehenden und schafft die Bedingungen für die folgende Generation. Die früheren Generationen haben viel hinterlassen, auf dem die gegenwärtigen aufbauen können. Darunter waren viele große Objekte, die weit über die Generation hinausreichten, die sie angefangen und geschaffen haben. Das beginnt mit der Infrastruktur, dem Straßen- und dem Schienennetz, setzt sich fort mit der Industriestruktur und technischen Innovationen. Selbst die Prunkbauten früherer Zeiten bringen dem Tourismusgewerbe heute noch großen Gewinn.

Auch in der Region Stuttgart ist die lebende Generation Nutznießer dessen, was die vorhergehenden Generationen geschaffen haben. Ist die heutige Generation nicht mehr in der Lage neue Impulse zu setzen? Mit der Entwicklung des Autos und dem Maschinenbau stand Baden-Württemberg an der Spitze des technischen Fortschritts. Sollen wir nun zurückfallen?

Jede Generation hat ihre Eigenheiten. Ich gehöre nicht der Generation an, die aus dem Krieg heimgekehrt ist und die zerstörten Städte wieder aufgebaut und das Gemeinwesen demokratisch gefestigt hat. Ich habe Hochachtung vor ihrer Leistung. Heute ist die Generation der „Achtundsechzigern“ in allen gesellschaftlichen Gruppierungen „angekommen“. Die 68er sind im Wohlstand aufgewachsen und verfolgte neue Ziele. Sie wollte die vorhandene Ordnung grundlegend verändern, ohne eine klare Vorstellung davon zu haben, wie eine neue bessere aussehen sollte. Diese Zerstörung ist den 68ern nicht gelungen, aber eine weitgehende Veränderung, nicht immer zum Guten, haben sie bewirkt. Viele aus der gegenwärtigen Generation sind egoistisch und wollen keine Anstrengungen auf sich nehmen, besonders nicht solche, die vor allem kommenden Generationen zugute kommen. Viele von ihnen waren und sind nicht einmal bereit, selbst eigene Kinder zu erziehen. Seit Ende der 60er Jahre hat die lebende Generation damit begonnen, die Enkel auszubeuten. Sie ist nicht mehr bereit, sich auf das zu beschränken, was sie selbst erarbeitet hat. Sie hat die Staatsverschuldung in die Höhe getrieben und lebt damit auf Kosten kommender Generationen.

Da passt auch der Protest gegen Stuttgart 21 ins Bild. Die egoistische Generation will offenbar keine Anstrengung auf sich nehmen, die auch künftigen Generationen zugute kommen könnte. Das Verhindern hat schon immer großes Vergnügen bereitet. Ein Projekt zu verhindern bedeutet Macht ausüben, ohne die Mühe etwas Positives schaffen zu müssen. Außerdem gibt es einem das Gefühl, dass man als Gutmensch besser ist als andere. Verhindern ist in Deutschland beliebt geworden. Es gibt kaum ein Projekt, gegen das nicht sofort Protest erhoben wird, meist aus offensichtlich egoistischen Motiven. In unserer Gesellschaft ist es wichtig, Verantwortung zu übernehmen. Die Bereitschaft dazu ist leider rar geworden.

Es gibt viele Beispiele, die zeigen, dass die Verhinderer Unrecht hatten: Das augenfälligste in Stuttgart ist der Erfolg der neuen Messe aber auch der Fernsehturm oder die Liederhalle sind solche Beispiele. Am verständlichsten sind noch die Bedenken, wegen der riesigen Kosten und der ungewohnten Dimension. Aber Großprojekte werden heute überall auf der Welt in Angriff genommen und erfolgreich bewältigt. Der Berliner Bahnhof hat auch 10 Milliarden gekostet, ohne dass jemand deshalb auf die Barrikaden gegangen wären. Auch entlang der Autobahn von Stuttgart nach Pforzheim sind tausende von Bäumen gefällt worden ohne dass ein Wort des Protestes laut wurde.

Wer Protest schürt muss ich fragen lassen, welche demokratische Regeln er akzeptiert. Bei uns beteiligen sich Mandatsträger an Sitzblockaden und lassen sich wegtragen. Sie fordern einen Bürgerentscheid, obwohl sie wissen, dass das Projekt damit nicht gestoppt werden kann. Parlamentarische Gruppierungen und „Aktionsbündler“ entfachen einen Meinungskrieg und spielen sich dann als Friedensstifter auf, indem sie einen „Friedensgipfel“ fordern. Sie protestieren gegen das Projekt, obwohl es gerade in ökologischer Hinsicht eindeutige Fortschritte bringt. Es bringt mehr Wohnraum, mehr grüne Parkfläche, Arbeitsplätze und wirtschaftliches Wachstum. Aber es geht ihnen schon lange nicht mehr um Sachargumente. Es geht nur darum, politische Mehrheiten in den Parlamenten zu bekommen, egal wie. Es geht auch längst nicht längst nicht mehr um Stuttgart 21, sondern um die Macht der Straße, die es „denen da oben“ zeigen soll. Ein Teil der Demonstranten fühlt sich als „Widerstandskämpfer“, die bewusst die Bezeichnung „Montagsdemonstrationen“ wählt, um zu suggerieren, dass es sich um eine „friedliche Revolution“ handelt, wie damals in der DDR.

Es gibt da nur einen kleinen Unterschied. Die Montagsdemonstrationen in Leipzig richteten sich gegen einen Unrechtsstaat, der seine Bürger einsperrte und knebelte. Die Stuttgart 21 – Demonstrationen richten sich gegen den freiheitlichsten Staat, den es je auf deutschem Boden gegeben hat. Sie zielen darauf ab, die parlamentarische Demokratie auszuhebeln.

Es gibt auch seriöse Bürger, die aus sachlicher Überzeugung sich gegen Stuttgart 21 wenden. Denen gilt mein Respekt. Wenn die aber bei diesen „Montagsdemonstrationen“ mitmachen, lassen sie sich von der falschen Seite missbrauchen. Aber das traut sich natürlich wieder niemand auszusprechen. Besonders zu verurteilen ist es, wenn Politiker in verantwortungsvollen Positionen, diese Demonstrationen bewusst schüren. Aber es braucht Mut, gegen diese Art des Protestes öffentlich Stellung zu nehmen. Die Botschaft der Demonstranten lautet: Wenn man nur laut genug schreit und genug Leute auf die Straße bringt, kann man jeden parlamentarischen Beschluss kippen. Das ist im Grunde eine Kampfansage an unsere parlamentarische Demokratie, wie sie in unserer Verfassung verankert ist. Unsere Verfassung garantiert auch unser Eigentum. Niemand und schon gar nicht der Protest der Strasse darf das antasten. Es ist unsere Aufgabe das Wilhelminische Erbe weiterzuführen und aktiv die Zukunft der nächsten Generation zu gestalten, damit sie es einmal genauso macht. Es ist nicht unsere Aufgabe die Pfründe unserer Vorfahren zu verprassen und das Erbe zu verspielen. Deshalb wollen die meisten Bürger und die parlamentarische Mehrheit: baut Stuttgart 21.

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© Dr. Reinhard Löffler MdL

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