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Dialog mit „Islamic Finance“

Weltweit boomt das
Geschäft mit scharia-konformen Finanzprodukten, nur
in Deutschland nicht. Das liegt an den Vorbehalten
gegenüber islamischen Einflüssen, die nicht
unberechtigt sind, weil die Scharia als islamische
Rechtordnung in großen Teilen mit unserer
grundgesetzlichen Wertvorstellung nicht vereinbar
ist. Wir lehnen auch kulturelle Einflüsse des Islam
ab und übersehen, dass unser Zahlensystem mit der
genialen Erfindung der Null eine arabisch
muslimische Schöpfung ist, ohne die komplexe
Rechenoperationen gar nicht möglich wären. Mit
römischen Zahlen kann man nicht multiplizieren. Das
Finanzsystem des Islam hat die weltweite Finanzkrise
relativ unbeschadet überstanden. Nach dem Versagen
unseres Finanzsystems, kann es nicht falsch sein,
sich mit einer anderen Denkweise vertraut zu machen
und sie kritisch zu betrachten. Das islamische
Finanzsystem ist eng mit der Scharia verknüpft.
Unter dem Begriff schariah-konforme Finanzierung
versteht man die Absicht, Bankgeschäfte unter
Berücksichtigung islamischer Werte und Normen zu
betreiben, deren Rechtsquellen im Koran und in der
Sunna basieren.

Wir können uns kaum
vorstellen, wie Bankgeschäfte unter einer
islamischen Wirtschaftsethik funktionieren, weil
unser aus der jüdisch-christlichen Tradition
hervorgegangenes Bankwesen längst säkular ist. Jetzt
hat sich in der Finanzkrise der westlichen Welt eine
ethische und moralische Verwahrlosung gezeigt, die
die globale Wirtschaft an den Rand des Abgrunds
gesteuert hat. Nicht genug damit, dass die private
Finanzkrise nur durch eine öffentliche Schuldenkrise
abgewendet werden musste. Vorstände der Banken haben
sich selbst millionenschwere Boni vergüten lassen,
obwohl ihre Unternehmen Milliardenverluste
eingefahren hatten und nur mit staatlicher Hilfe
gerettet wurden. Das hat das Vertrauen der Menschen
in unser Finanzsystem schwer erschüttert.

Der Fehler liegt aber
nicht am System sondern im System. Wir brauchen ein
System ohne Auswüchse. Für solch ein Bankensystem
steht das islamische Finanzsystem, geführt nach der
Scharia. Die Scharia gibt verbindliche Regeln für
Bankgeschäfte vor. Die Warnung in Sure zwei, Vers
275 des Koran ist deutlich: „Diejenigen, die Zinsen
verschlingen, sollen nicht anders dastehen als wie
einer, der vom Satan erfasst und geschlagen ist“.
Viel Interpretationsspielraum ist da nicht. Ein
Moslem darf zwar ein zinsloses Girokonto führen,
aber schon ein Sparbuch ist tabu. Damit sind Muslime
von vielen konventionellen Bankprodukten
ausgeschlossen. Auch im Christentum galt das
Zinsverbot über 2000 Jahre. Luther und Müntzer waren
entschiedene Zinskritiker auf evangelischer Seite.
Sie verweisen auf den Evangelisten Markus in 10,25
:“Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr
gehe, als das ein Reicher ins Reich Gottes kommt“
und auf Markus 6,24 :“Ihr könnt nicht Gott dienen
und dem Mammon“. Noch bis 1918 hat die katholische
Kirche an ihrem Kanon 1543 festgehalten, dass „ein
Darlehnvertrag keinen Gewinn rechtfertigt“.
Geblieben ist davon nichts.

Neben dem Zinsverbot (riba),
kennt die Scharia das Verbot von Einzahlungen, wenn
unsicher ist, ob je Erträge zurückkommen (gharar,
führt zu einem Verbot von Versicherungen nach
unserem Standard) und das Verbot von Glücksspiel (maysir,
führt zu einem Verbot von Derivaten). Ferner sollen
sich Muslime in keiner Form an unreinen Geschäften (haram)
beteiligen. Dazu gehören Unternehmen, die Alkohol
und Schweinefleisch verarbeiten oder anbieten,
Versicherungsgesellschaften, ausschließlich
konventionelle Banken und stark fremdfinanzierte
Unternehmen. Außerdem gilt das Prinzip, dass man
nichts verkaufen kann, was man nicht besitzt oder
das noch nicht existiert. Daher mischen islamische
Banken auch nicht bei Rohstoff-Termingeschäften,
Derivaten oder in anderen spekulationsgetriebenen
Märkten mit. Amerikanische Schrottpapiere haben die
islamischen Banken nicht erworben. Die Finanzkrise
konnte ihnen nur wenig anhaben. Im Gegenteil,
islamische Finanzanlagen haben im letzten Jahr an
Wert gewonnen. Allerdings leiden islamische Banken
an launischen Korangelehrten. Ein Scharia-Board
entscheidet, ob ein Finanzgeschäft als rein (halal)
gilt. Bei komplexen Finanzdienstleistungen sind die
Gelehrten nicht immer einer Meinung.

Um das Zinsverbot zu
umgehen, bieten islamische Banken Sachmittelkredite
an. Bei der Murabaha leiht die Bank dem Kreditnehmer
nicht direkt Geld, sondern kauft selbst das Objekt –
z.B. eine Immobilie oder ein Auto – für ihn. Der
Kunde kauft es der Bank auf Ratenzahlungsbasis zu
einem höheren Preis ab. Die Schulden sind auf reale
Werte bezogen. Spekulationsblasen können kaum
entstehen. Die Bank macht Gewinn, auch wenn bei
einer Immobilie nach unserem Recht zwei Mal
Grunderwerbsteuer fällig würde.

Bei der
Unternehmensfinanzierung will das islamische Recht,
dass das Risiko geteilt wird. Bei der Musharaka
bringen Unternehmer und Bank Kapital ein. Beide
Partner haben bei der Unternehmensführung ein
Mitspracherecht. Gewinn und Verlust werden nach
einem vereinbarten Schlüssel oder nach Höhe der
Einlage aufgeteilt. Bei der Mudaraba bringt nur die
Bank Kapital ein und der Kreditnehmer wird als
Geschäftsführer eingesetzt. Die Bank kann hierfür
ein Sukuk, vergleichbar einer Obligation, am Markt
platzieren. Unternehmen mit hoher Schuldenlast
dürfen nicht in einen Sukuk. Sukuks haben deshalb in
den vergangenen Jahren enorme Zuwachsraten
verzeichnet. Das Land Sachsen-Anhalt hat über ein
Sukuk über 100 Mill. Euro platziert. Rechtlich sind
die Papiere Inhaber-Treuhandzertifikate, denn einer
Stiftung wurden Nutzungsrechte an den Liegenschaften
übertragen.

Dieser Sukuk ist in
Deutschland noch ein Solitär. Im Januar nächsten
Jahres will In Mannheim die Kuveyt Türk
Beteiligungsbank Privatkunden scharia-konforme
Finanzprodukte anbieten. Die BaFin erteilte eine
Lizenz für die Vermittlung von Einlagen in
Drittstaaten. Dies ist ein Anfang. In Großbritannien
operieren islamische Banken aber auch
Finanzinstitute mit dualer islamischer und
konventioneller Prägung seit 10 Jahren erfolgreich.
Der islamische Bankenmarkt wächst, weil die
orientalischen Staaten immer wohlhabender werden und
ihre Finanzmarktgeschäfte über scharia-konforme
Finanzinstitute abwickeln wollen. Wir sollten diesen
Markt bei uns nicht ausgrenzen, zumal in Deutschland
vier Millionen Muslime leben, die sich großenteils
mit unserem Bankensystem schwer tun. Wenn unsere
Banken und unsere öffentlich-rechtlichen
Finanzinstitute scharia-konforme Finanzprodukte
anbieten, vergrößern sie ihre Chancen auf dem
internationalen Finanzmarkt. Sie erweitern so ihre
Kundenbasis und sie können den Mittelstand bei
Exportgeschäften ins muslimische Ausland besser
unterstützen. Und, warum sollte ein gläubiger Christ
sein Geld nicht in einen islamischen Investmentfonds
anlegen? Geld ist in der „Realwirtschaft“ besser
investiert als in irgendwelchen abstrakten
Finanzinstrumenten. Das islamische Bankwesen ist
dort angekommen, wo die westlichen Banken im Gefolge
der Finanzkrise wieder hinkommen wollen. Wir wollen
bei uns der Scharia nicht die Tür öffnen, aber von
der ethischen Handlungs- und Denkweise bei
Geldgeschäften können deutsche Finanzinstitute nur
profitieren.

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