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City-Maut in London, Vorbild für unsere Städte?

Kennzeichenverordnung, Luftreinhalteplan, Feinstaub und Fahrverbot sind Substantive, die zurzeit die Medien beherrschen und für Autofahrer fast schon bedrohlich wirken. Allein in der Region Stuttgart, drohen 300.000 Besitzern von älteren Fahrzeugen Fahrverbote für sogenannte Umweltzonen. Deutschlandweit sollen 11 Millionen Fahrzeuge betroffen sein, darunter auch Benziner mit einem geregelten Katalysator der ersten Generation. Als Alternative schlagen Kommunalpolitiker die Erhebung einer City-Maut nach Londoner Vorbild vor. Dieser Ansicht schließt sich die CDU-Landtagfraktion nicht an.

„Während der Regierungszeit von Königin Victoria vermochten Pferdekutschen mit 15 km/h die Stadt zu durchqueren. Dies entspricht heute der Durchschnittsgeschwindigkeit mit der sich Kraftfahrzeuge durch die Innenstadt quälen“ klärt Steve Kearns, Traffic & Technology Manager der Betreiberorganisation Transport of London (TfL) auf. Über eine Million Menschen bewegen täglich ihre Fahrzeuge in die Londoner Innenstadt. Die Hauptstadt von Großbritannien mit ihren 7,4 Millionen Einwohner ist nicht nur die am dichtesten besiedelte Großstadt, sie leidet neben Athen auch an der höchsten Umweltbelastung in Europa. Die von den früheren Stadtplanern nicht für möglich gehaltene Mobilität führt zu alltäglichen Verkehrsinfarkten zu „Rush Hour-Zeiten“. Diese beeinträchtigen die Gesundheit der Menschen und fügen der Volkswirtschaft erheblichen Schaden zu.

London stemmte sich gegen diese Entwicklung. Der Plan von Oberbürgermeister Ken Livingstone war, für die Londoner Innenstadt eine Mautzone einzurichten und mit den Einnahmen den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs zu finanzieren. Das öffentliche Nahverkehrssystem ist nicht nur eines der ältesten der Welt. Mit einer Länge von 415 km umfasst die bereits 1863 eröffnete berühmte U-Bahn weltweit das größte Streckennetz. Aufgabe der TfL ist, die Entwicklung im öffentlichen Nahverkehr voranzutreiben. Die TfL ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts nach deutscher Terminologie, die auch die Koordination der öffentlichen Verkehrsmittel, die Ausschreibung und Vergabe der Buslinien, die Lizenzierung von Taxis und das Tarifsystem reguliert. Diese Behörde ist dem Oberbürgermeister direkt unterstellt.

Nach 18 Monaten Vorbereitungszeit wies die Verwaltung am 17.02.2003 die Innenstadt zwischen Tower Bridge und Hyde Park Corner als Maut-Zone aus. In dieser 21 Quadratkilometer großen Fläche liegen der Finanzdistrikt mit Westminster, die Regierungs- und Verwaltungsbezirke und die großen Einkaufsmeilen rund um den Piccadilly und Oxford Circus. Wer mit seinem Auto tagsüber zwischen 7:00 Uhr und 18:30 Uhr in diese Zone einfährt, muss eine „Congestion Charge“ (Staugebühr) von 8 Pfund (ca. 12.20 Euro) bezahlen. Monatliche oder jährliche Zahlungen sind möglich. Dabei spart der Autofahrer 3 bzw. 40 Tage die Staugebühr Auch ausländische Fahrzeuge und Mietwagen werden zur Kasse gebeten. Einer Orwell’schen Bedrohung gleich erfassen 688 digitale Kameras an allen 250 Zufahrten zur Innenstadt die Kennzeichen der Fahrzeuge. Ein Zentralcomputer speichert die KFZ-Nummern.

Bis Mitternacht ist die Congestion Charge per Handy, übers Internet oder bei ausgewiesenen Zahlstellen zu entrichten, ansonsten droht eine Strafe von 100 Pfund. Bei verspäteter Zahlung werden aber erhebliche Versäumniszuschläge fällig. Die Fahrzeuge von notorischen Mautprellern, die drei Mal die Mautgebühr nicht bezahlen, werden abgeschleppt. 1600 Strafmandate wurden in den letzten 6 Monaten verhängt. Einsprüche sind bei einer unabhängigen Schiedsstelle einzulegen. In der Regel eine vergebene Liebesmühe, es sei denn, das Fahrzeug gilt als gestohlen oder das Nummernschild wurde entwendet. Dieses Delikt hat in London zugenommen.

Von der Mautpflicht befreit sind Motorräder, die Londoner Taxen und lizenzierte Minicabs, militärische Fahrzeuge, Notfallfahrzeuge von Polizei und Feuerwehr, Krankenwagen sowie alle Fahrzeuge des öffentlichen Nahverkehrs. Anwohner entrichten ein Zehntel der offiziellen Gebühr und Behinderte, Pannendienste und Elektroautos und Fahrer von Fahrzeugen die mit alternativen Brennstoffen betriebenen werden, zahlen nach Registrierung einmalig 15 Pfund. Findige Londoner haben für ihr Fahrzeug eine Minicab-Lizenz erworben. Dies ist leicht möglich, da ein Fahrzeugtyp für diese Dienstleistung nicht vorgeschrieben ist und als Beförderungszweck nur der Transport von Personen angegeben werden muss. Wie das Problem gelöst wird, verrät die TfL nicht. Da sie auch die Lizenzen vergibt, kann sie hinterfragen, wie der Firmenzweck erreicht wird. Ein Londoner fährt sogar einen ausgedienten Armeepanzer. Ihm ist nicht beizukommen. Er zahlt weder Maut noch Registrierungsgebühr.

268 Millionen Pfund (etwa 428 Mio. Euro) haben die aufwendigen Installationen für die Maut-Infrastruktur verschlungen. Bislang kassierte die TfL Einnahmen von 170 Millionen Pfund (272 Mio. Euro). Die Hälfte der Einnahmen verschlingt der operative Betrieb. Mit dem Rest kaufte die Stadtverwaltung 200 Mercedes-Gelenkbusse (bendy buses). In der Stuttgarter DaimlerChrysler Zentrale kann man auf weitere Geschäfte hoffen. Die traditionellen roten Doppeldeckerbusse (Routemaster) sind mit Ende 2006 ausgemustert. Bei Gelenkbussen ist das Ein- und Aussteigen für ältere und behinderte Menschen leichter. Bei den Doppeldeckerbussen sitzt der Fahrer in einer abgeschlossenen Fahrerkabine, so dass ein Ticketschaffner mitfahren muss. Dieser Schaffner wird wegrationalisiert und durch ein Ticketsystem ersetzt. Die Buslinien werden von der TfL konsequent privatisiert. Der Wettbewerb soll über die Qualität und nicht über das Tarifsystem geführt werden.

Anfänglich formierten sich Widerstände von Bürgern, Automobilverbänden, Handel und Gewerbe gegen das Mautsystem. Livingstone setzte seinen Plan jedoch konsequent durch. Der Erfolg gibt ihm Recht. 14.000 zusätzliche Fahrgäste verzeichnet der öffentliche Nahverkehr während den täglichen Stoßzeiten. Das Verkehrsaufkommen nahm um 20 Prozent ab, die Durchschnittsgeschwindigkeit erhöhte sich auf 30 km/h. Der Verkehr fließt, Staus gehören der Vergangenheit an und es gibt deutlich weniger Unfälle. Eine Meinungsumfrage bei Einführung der Congestion Charge ergab eine Zustimmung der Bevölkerung von 40 % und eine Ablehnung von 40%. Heute stehen 54 % der Londoner hinter der Maut und lediglich 27 % sind immer noch dagegen. Der Bezirksstadtrat von Westminster, der gegen die Staugebühr klagen wollte, hat kleinlaut zurückgezogen.

Als Nebeneffekt verbesserte sich auch die Luftqualität in London. Die Messdaten zeigen zwar eine Reduzierung der Schadstoffe. Fakt ist aber, dass die Congestion Charge die Probleme der Metropole nicht löst. Die TfL räumt ein, dass innerhalb der Mautzone der von der EU festgelegte Höchstwert von täglich 50 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter an keinem Tag unterschritten wurde. Dass die Maut auch die verdreckte Londoner Luft verbessern könnte, hat Livingstone öffentlich nie erwähnt. Die Maut erweist sich zwar als vorteilhaft, um die Luftverschmutzung zu senken, eine echte Verbesserung ist sie aber nicht. Dennoch soll das Feinstaubproblem auch in London angegangen werden. Londons 7000 städtische Busse wurden mit Rußfiltern ausgerüstet und die schwarzen Londoner Taxis erheben von jedem Fahrgast eine „Rußfilterabgabe“ von 20 Pence, die helfen soll, alle 21.000 Taxis bis Ende 2008 umzurüsten.

In nächsten Jahr soll die Mautzone deutlich erweitert werden. Technisch sucht die TfL noch nach neuen Lösungen der Fahrzeugerfassung. Ein satellitenunterstütztes Erfassungssystem wird favorisiert, wohl aber erst dann realisiert, wenn das europäische System Gallileo das amerikanische GPS ersetzen wird.

In Deutschland sind City-Maut, Fahrverbote, Verkehrslenkungsmaßnahmen und intelligente Parkraumbewirtschaftungssysteme Themen, die vor dem Hintergrund der EU-Feinstaubrichtlinie und der Kennzeichenverordnung leidenschaftlich diskutiert werden. Für geeignete Maßnahmen sind die Länder und Kommunen zuständig. Für eine bundeseinheitliche Regelung für eine City-Maut fand sich keine Mehrheit. In England hat 1997 die Labor Regierung ein landeseinheitliches Gesetz erlassen, dass die Einführung von Mautzonen in Großstädten ermöglicht. London ist bislang in England der Vorreiter. Weniger bekannt ist, dass auch Oslo, Trondheim und Bergen ein ähnliches System haben. In Rom und Bologna sind die Innenstädte komplett gesperrt. Allerdings Anwohner, Lieferanten und alle, die 360 Euro im Jahr für die Einfahrtgenehmigungen zahlen, sind davon ausgenommen. In Tokio, Toronto, New York und Washington D.C. werden Autofahrer, die während der Rush-Hour alleine in das Stadtzentrum fahren mautpflichtig. Fahrgemeinschaften, die sich ein Auto teilen, können die Zufahrtsstraßen kostenfrei benützen.

Feinstaubbelastung und Verkehrsinfarkte sind in allen Großstädten besorgniserregend. Beide Probleme müssen von den Kommunen angepackt und einer Lösung zugeführt werden. Ein Patentrezept gibt es nicht. Der Einsatz regulativer Instrumentarien wie City-Maut oder Fahrverbote müssen auf die spezifischen Gegebenheiten des örtlichen Wirkungskreises hin überprüft werden. Unabhängig davon, dass eine deutsche Großstadt die Haushaltsmittel für eine dem Londoner System vergleichbare Maut-Betreiberinfrastruktur kaum aufbringen kann, kann die City-Maut eine Verteuerung von Dienstleistungen nach sich ziehen, die Kaufkraft auf das Umland verlagern, den innerstädtischen Handel und das Gewerbe beeinträchtigen und sich volkswirtschaftlich negativ auswirken, ohne dass die Feinstaubproblematik wesentlich verbessert würde.

Bund und Länder haben sich in der Kennzeichenverordnung auf ein Plakettensystem geeinigt. Für die Umsetzung der Fahrverbote in den Umweltzonen müssen die Städte teilweise sich mit einem engen Zeitplan abfinden. Ob es handwerklich richtig ist, Dieselfahrzeuge schlechter als Euro 3 nicht den Benzinern mit der ersten Katalysatorgeneration gleichzusetzen muss bezweifelt werden, denn die Benziner sind weniger feinstaub- und schadstoffbelastend als die Dieselfahrzeuge. Die CDU-Landtagsfraktion will eine Umsetzung mit Augenmaß und wünscht, dass die Kommunen intelligente Verkehrslenkung betreiben und ÖPNV stärken. Die CDU begrüßt finanzielle Anreize für den Einbau von Rußfiltern seitens des Bundes. Die Entwicklung von schadstoffarmen Motoren oder alternativen Antriebssystemen sind Herausforderungen, derer sich die Mobilitätsindustrie unseres Landes verstärkt annehmen muss. Wir schulden dem Bürger Anstrengungen, die Feinstaubbelastung zu verringern und die Verkehrsprobleme zu lösen.

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© Dr. Reinhard Löffler MdL

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