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Party auf der Titanic?

die Politik in den USA hat eine Immobilienblase angetrieben. Die Party ist vorbei. Zurück bleiben der Zusammenbruch des Investmentbankings und eine handfeste weltweite Finanzkrise, die auch unser Wirtschaftssystem erfasst hat. „Der Aufschwung geht zu Ende“ schreibt die IHK und das Statistische Landesamt stellt fest: „Risiken werden Realität“. Die Wachstumsprognosen für das nächste Jahr werden nach unten korrigiert. Trotz allen Kassandrarufen war unser Land vor der Finanzkrise die wirtschaftlich stärkste Region in Europa und wird es auch nach der Finanzkrise sein. Eine marktwirtschaftlich organisierte Volkswirtschaft bewegt sich in Zyklen und nicht nur geradlinig nach oben. Abschwungphasen sind Teil der Entwicklung. Unsere Wirtschaft ist weltweit erfolgreich. Dafür muss sie auch bei globalen Konjunkturkrisen Tribut zahlen. Auch wenn wir nicht ungeschoren davonkommen, droht unserer Wirtschaft nicht der freie Fall in die Rezession. Schwarzmalen ist was für ängstliche Börsianer. Unser Universalbankensystem ist robust. Die Banken können auch heute allen mittelständischen Unternehmen die Kredite für die Investitionen von morgen geben. Wir werden auch unsere Landesbank in die Lage versetzen, den Mittelstand weiterhin mit der benötigten Liquidität zu versorgen. Wurden in der Vergangenheit unsere Sparkassen und Volksbanken wegen ihres konservativen Geschäftsmodells und ihrer kurzfristig bescheidenen Rendite von den Großen der Bankenwelt belächelt, sind sie heute die Gewinner, weil sie das Vertrauen ihrer Kunden nicht missbraucht haben, sondern weil sie darlegen können, wie sie ihr Geschäft betreiben. Vertrauen ist der wichtigste Wachstumsmotor.

Die Branchenvielfalt im Land ist robust. Unsere mittelständischen Strukturen verhindern, dass unsere Wirtschaft wie ein Kartenhaus zusammenfällt. Die vom Aufschwung ausgelösten positiven Impulse wirken nach. Hilfreich dabei ist, dass die Rohstoff und Energiepreise auch ins Rutschen kommen. Die Krise legt Managementfehler gnadenlos offen. Es wird die treffen, die auf Halde Überkapazitäten produziert und neue Technologien verschlafen haben, die zugunsten steigender Umsatzzahlen überhöhte Restwerte bei ihren Leasingverträgen aufweisen und damit ihre Preisstruktur kannibalisiert haben und diejenigen, die anstatt in Innovationen nur in Showrooms investierten. Sie kommen in den Sog der Marktkonsolidierung. Hier greifen die Selbstheilungsmechanismen des Marktes. Aber auch darin liegt eine Chance. Ganz überwiegend sind unsere Unternehmen heute deutlich wettbewerbsfähiger als noch vor einigen Jahren. Kooperationen und Netzwerke mit Hochschulen und Forschungsinstitute tragen Früchte. Die Auslandsgeschäfte mit der NAFTA und in der EU lassen nach, während die Exporte in die asiatischen Länder zweistellige Zuwachsraten verzeichnen. Damit werden noch nicht die gleichen Volumina erzielt, weil sich auch das Wachstum in China merklich abkühlt. Natürlich führt das rauere Konjunkturklima zur vorsichtigeren Investitions- und Beschäftigungsplänen. Von drastischen Sparmaßnahmen und Massenentlassungen sind wir jedoch weit entfernt.

Hektisch mit staatlichen Konjunkturprogrammen gegenzusteuern wäre der falsche Weg. Maßnahmepakete, die nur die Staatsausgaben erhöhen, die Einnahmen aber unverändert lassen, fördern die Inflation. Sie bringen aber auch höhere Schulden und damit Steuern von morgen. Die internationale Finanzkrise ist ein äußerer Einfluss, dem das Land Baden-Württemberg nicht mit antizyklischen Maßnahmen aus der Werkzeugkiste von Keynes entgegentreten kann, allein schon deshalb nicht, weil das Land nicht über die Mittel verfügt, um eine entsprechende Wirkung zu erzielen. Selbst dann, wenn wir in naher Zukunft erkennen sollten, dass politisch und gesellschaftlich unerwünschte Strukturveränderungen in der Wirtschaft drohen, kann das Land nur gemeinsam auf nationaler und europäischer Ebene etwas ändern. Unser bestes Konjunkturprogramm ist neben der Nullverschuldung das Projekt Stuttgart 21 und der Ausbau der Rheinschiene. Daran halten wir eisern fest.

Anstatt staatliche Ausgaben auszuweiten, sollten wir mehr private Nachfrage schaffen und Impulse im Binnenmarkt setzen. Die Zeit ist überfällig, die kalte Progression im Steuerrecht zu beseitigen. In den 50er Jahren zahlte derjenige den Spitzensteuersatz, der das 20fache des damaligen Durchschnittseinkommens erzielte. Heute zählt schon der zum Spitzenverdiener, der das 2,5fache des Durchschnittseinkommens verdient. Hier muss das Koordinatensystem neu justiert werden. Wir brauchen keine Umverteilungsprogramme sondern gerechte Steuern. Nur so schaffen wir Vertrauen bei den Menschen, die sonst aus Angst ihr Geld dem Wirtschaftskreislauf entziehen, das ihnen der Staat nach Abschöpfung des Solidaritätszuschlags und der Mehrwertsteuer noch lässt.

Auch unsere Unternehmen haben einen Anspruch auf gerechte Steuern. So mag es beispielsweise in Zeiten des Aufschwungs weniger wichtig sein, den Verlustvortrag und -rücktrag betragsmäßig zu begrenzen. In Zeiten des Abschwungs entzieht diese Steuerpraxis unseren Unternehmen dringend benötigtes Kapital. Da nützt auch der Vorschlag der Bundesregierung zur Wiedereinführung der degressiven Abschreibung wenig. Hilfreich ist es auch nicht, wenn die Finanzämter aufgrund der guten Unternehmensergebnisse in diesem Jahr hohe Umsatzsteuervorauszahlungen einfordern und dem Mittelstand somit Liquidität entziehen. Auch die Gewerbesteuer ist mir ein Dorn im Auge. Zwar ist die Gewerbesteuer für die Kommunen unverzichtbar, es darf aber nicht sein, dass diese Steuer immer mehr vom Gewinn abgekoppelt und den Charakter einer Substanzsteuer bekommt. Langfristig werden so Arbeitsplätze vernichtet. Hier sehe ich schon deshalb Reformbedarf, weil die Kommunen für ihre Investitionen eine längerfristige und konjunkturunabhängigere Planungsgrundlage brauchen.

Steuersenkungen haben den Vorteil, dass Arbeitnehmer und Unternehmer gleichermaßen profitieren. Die Konjunktur wird auf eine breitere Basis gestützt. Bei staatlichen Ausgabenprogrammen ist das anders. Deshalb besser Hände weg.

Die Beschäftigungszahlen sind in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen und die Arbeitslosenzahlen auf ein historisches Tief gesunken. Der Reformprozess war erfolgreich, nicht einfach und nicht schmerzfrei. Mit der Diskussion über gesetzliche Mindestlöhne, mit steigenden Krankenkassenbeiträgen und mit hohen Tarifabschlüssen setzten wir wieder alles aufs Spiel. Die mögliche Absenkung des Beitragssatzes zur Arbeitslosenversicherung ist dabei keine große Hilfe. Auch hier darf der Denkprozess noch nicht zu Ende sein.

Die internationale Finanzkrise ist die Stunde der Politik und die Stunde des Parlaments. Nutzen wir sie jetzt nicht, wann dann? Keine internationale Wirtschaftsprüfergesellschaft hat ihren Sitz in der EU. Uns fehlt auch eine Ratingagentur, die sich spezifisch um den europäischen Markt kümmert. Hier haben wir in den letzten Jahren das Feld den Amerikanern überlassen. Man soll nicht glauben, dass sich die USA zuerst am Interesse Europas orientiert. Das müssen wir schon selbst tun. Es ist zu kurz gesprungen, wenn sich die große Koalition nur um Pendlerpauschalen und KFZ-Steuer kümmert. Die Herausforderungen einer Neuordnung der europäischen Finanz- und Wirtschaftspolitik werden sich damit nicht lösen lassen. Das Schiff Deutschland in eisfreie Gewässer zu lenken, ist die vordringlichste Aufgabe der großen Koalition. Ich bin zuversichtlich, die Bundeskanzlerin wird das Ruder herumreißen und unser Land wird der wichtigste Lotse sein. Die Party auf der Titanic fällt aus.

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© Dr. Reinhard Löffler MdL

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