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Grüner Tee in Jiangsu

 

Grüner Tee zählt nicht unbedingt zu meinen Lieblingsgetränken. In China gehört grüner Tee zum politischen Gespräch dazu. Grüner Tee macht geduldig. Geduld braucht es auch, wenn man mit Chinesen über Politik spricht. Lange Ausführungen prägen die Verhandlungen. Wie weiland Nixon und Mao durfte der Wirtschaftsausschuss des Landtags in bequemen „Fernsehsesseln“ beim Volkskongress in Jiangsu Platz nehmen. Die Armlehnen schmückten gestickte Tücher. Ein Ambiente wie in Omas guter Stube.

Eingeladen wurden wir, die 20jährige Partnerschaft unseres Landes mit der Provinz Jiangsu zu feiern. Vor dem Hintergrund der Situation in Tibet und den Menschenrechtsverletzungen in Tibet war dies eine heikle Mission. Dies war dem Ausschuss bewusst. Der Ausschuss bekräftigte den Anspruch der Tibeter auf religiöse und kulturelle Identität und forderte die chinesische Seite auf, Journalisten freien Zugang nach Tibet zu gewähren. In China sieht man die Dinge naturgemäß etwas anders. Chinesen reagieren da eher etwas empfindlich. Der Dalai Lama ist ein Feindbild. Es war dennoch wichtig, unsere Position darzulegen. Die Atmosphäre blieb aber sehr entspannt und offen.

Während der 20järhigen Partnerschaft haben sich über hundert Unternehmer aus Baden-Württemberg in Jiangsu angesiedelt. Unter ihnen Bosch und Siemens aber auch viele Mittelständler, wie die Firmen Kern-Liebers aus Schramberg, Vollmer aus Biberach oder Herrenknecht aus Lahr. Dieses Unternehmen untertunnelt derzeit bei der alten Kaiserstadt Nanjing den Jiangtse-Fluss. Das ist die zweitgrößte Tunnelbaustelle weltweit. Die Besichtigung war ein Erlebnis. Herrenknecht profitiert davon, dass China in ihrem Fünfjahresplan erhebliche Investitionsmittel in den Infrastrukturausbau, in die Transportwege und in den boomenden Immobilienmarkt schleust. Ende 2009 soll der Tunnel fertig sein. Dann könnte sich Herrenknecht um einen Auftrag bei Stuttgart 21 bewerben. Wäre schön, wenn ein Unternehmen aus Baden-Württemberg den Zuschlag für unser Projekt gewinnen könnte.

China ist als strategischer wirtschaftlicher Brückenkopf für unsere Unternehmen ein wichtiger Faktor. Diesen wollen wir ausbauen. Mit BW-international haben wir in Nanjing ein Beratungszentrum für Mittelständer eingerichtet, damit sie erfolgreich Fuß fassen können auf dem chinesischen Markt. Erfolge auf dem chinesischen Markt sichern auch die Arbeitsplätze in Baden-Württemberg. Chinas Wirtschaft strotzt nur so vor Kraft und Superlativen. Schon heute belegt das bevölkerungsreichste Land der Welt bei den internationalen Währungsreserven und den Leistungsbilanzüberschüssen global mit großem Abstand den Spitzenplatz. China verfügt über die weltweit höchsten Währungsreserven von US $ 1.4 Billionen. Zudem schickt sich China an, Deutschland vom dritten Platz der größten Wirtschaftsnationen zu verdrängen.

Der Aufholprozess ist längst nicht beendet. Im Jahr der Olympischen Spiele in Peking könnten wir auch den Titel des Exportweltmeisters an China verlieren. Aufgrund der Kostenvorteile und des gewaltigen Binnenmarktes ist China Gewinner der Globalisierung und wird weiter dynamische BIP-Zuwächse verbuchen. Seit 2003 verzeichnet China konstant zweistellige Zuwachsraten seines Sozialprodukts. Ob diese Entwicklung auf lange Sicht nachhaltig ist, hängt auch davon ab, inwieweit die Prosperität eines Volkes nicht auch mit sozialer und politischer Pluralität einhergehen muss. Es gärt nicht nur in Tibet sondern auch in anderen Provinzen des Riesenreiches. Es steht außer Frage, dass es für die Regierung schwierig ist, ökonomische Überhitzungserscheinungen mit einem stabilitätskonformen Wirtschaftskurs einzudämmen. Es gilt, die bestehenden sozialen Sprengsätze in Form eklatant zunehmender regionaler Einkommensunterschiede zu entschärfen. Ferner muss China die ausufernde Korruption und die massiven Umweltvergehen in den Griff bekommen.

Wir haben Themen wie Umweltschutz, Forschung und Technik aber auch heikle Dinge wie den Schutz des geistigen Eigentums angesprochen. Der Schutz geistigen Eigentums war ein besonderes Anliegen des Wirtschaftsausschusses. Im neuen Fünfjahresplan sieht die chinesische Regierung vor, die Forschungsaktivitäten für Produkte mit hoher Wertschöpfung auszubauen, um vom Billig-/Plagiatsimage loszukommen. Wir müssen unsere Innovationskraft dagegensetzen und nachhaltig den Schutz geistigen Eigentums einfordern. Die Verletzung von Patenten und der Markenschutz betrachtet man im Reich der Mitte eher als Kavaliersdelikt. Ein effektiver Rechtsschutz besteht nicht, wie die ansässigen deutschen Unternehmer resignierend bestätigten. Darauf muss die Politik aber drängen. Aus Baden-Württemberg kommen deutschlandweit die meisten Erfindungen. Allein im letzten Jahr wurden 13.638 Patente aus Baden-Württemberg beim Deutschen Patentamt angemeldet. Das zeigt, wir haben die innovativste Wirtschaft und die kreativsten Wissenschaftler.

Jiangsu ist heute eine der wohlhabendsten und dichtest besiedelten Provinzen der Volksrepublik. Schwerindustrie, Chemie, Bergbau und Hightech sind die Industriesparten, die dort vertreten sind. Trotz seines Ressourcenmangels nimmt Jiangsu Platz eins in der industriellen Fertigung ein. Daher finden sich in Jiangsu ideale Partner für die Wirtschaft in Baden-Württemberg.

Die Tibetkrise zeigt, dass für China die Sicherung der Machtbasis und die innerpolitische Stabilität zentrale Themen sind. Das Staatsgebiet gliedert sich in 22 Provinzen (ohne Taiwan), fünf autonome Gebiete, vier regierungsunmittelbare Städte und zwei Sonderverwaltungszonen. China ist ein autoritärer Staat unter der Führung der Kommunistischen Partei Chinas. Es herrscht ein Einparteiensystem und das sozialistische Wirtschafts- und Staatssystem ist in der Verfassung der Volksrepublik China verankert.

Die Volksrepublik ist zwar offiziell ein zentralistischer Einheitsstaat, dessen Zentralregierung die absolute Verfügungsgewalt über die ihr untergeordneten Provinzen hat. In der Realität ist die Beziehung zwischen Zentrale und Region aber weniger eindeutig: Besonders die wirtschaftlich prosperierenden Küstenprovinzen wie Jiangsu haben zum Teil eine beträchtliche politische Verhandlungsmacht. Ein einheitliches System zur Verteilung der Steuereinnahmen zwischen Provinzen und Zentralregierung gibt es nicht, ebenso wenig wie ein Ausgleichsprogramm zur Unterstützung ärmerer Provinzen. Dennoch verfügt die Zentralregierung in Krisensituationen über die nötige Macht, ihren Willen durchzusetzen. So kann sie beispielsweise Mitglieder der Provinzregierungen nach Belieben versetzen.

Außenpolitisch steht China nicht nur in der Tibet-Frage unter Druck sondern auch wegen seiner Außenwirtschaftsüberschüsse. Der Ruf nach einer vollen Freigabe und Aufwertung des Yuan wird lauter. Die USA und die EU drohen dem Land auch mit protektionistische Gegenmaßnahmen. Ob sich in China demokratische Strukturen nach westlichen Vorbild entwickeln ist eher unwahrscheinlich. Sicher ist, China wird sich zu einem wirtschaftlicher Supermacht mausern. Unsere Entwicklungshilfe hat sich sicher ausbezahlt. Schade, dass uns heute der Mut fehlt, diese einzustellen. Im chinesischen Haushalt fällt diese betragsmäßig schon lange nicht mehr auf.

Nach einem fast drei Stunden dauernden Gespräch und drei Kännchen grüner Tee hatte ich mich an das Getränk gewöhnt. Es entspannt wirklich. Wir sollten grünen Tee auch in den Fraktionssitzungen ausschenken.

 

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© Dr. Reinhard Löffler MdL

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